Rede des stellv. Vorsitzenden Bernd Krott bei der “Sonnenwendfeier” im Naturfreundehaus in Herzogenrath-Merkstein:

Lieber Lothar Bildhauer, liebe Naturfreundinnen und Naturfreunde,

ich überbringe Euch hiermit, als Vertreter unseres Bezirksvorsitzenden Bruno Barth, das Grußwort des Bezirksverbandes.

Wir treffen uns heute in froher Runde, reden und lachen miteinander, singen unsere Lieder und genießen dieses besondere Ereignis.
So war es von den Anfängen unserer Naturfreundebewegung eigentlich schon immer.
Denn im Unterschied zu dem bei manch Einem bestehenden falschen Eindruck, haben die Nazis die Sonnwendfeier nicht erfunden.
Die Nazis haben ja bekanntlich viel von uns geklaut, von der roten Fahne über um-getextete Arbeiterlieder, so haben sie leider eben auch die Tradition der Sonnwendfeier beschmutzt.
Sonnwendfeiern werden seit dem 12 Jahrhundert gefeiert. Sie sind wohl keltisch-germanischen Ursprungs und hatten in der ländlichen hart arbeitenden Bevölkerung eine Jahrhundertelange Tradition. Übrigens sehr zum Missfallen der kirchlichen Obrigkeit, die dieses bunte Treiben stets mit Argwohn betrachtete.
Zur Mittsommerwende zu Beginn der Erntezeit traf man sich und feierte ausgelassen in die kürzeste Nacht des Jahres hinein.
Die Evangelische Kirche koppelte sich mit der Johanisfeier sozusagen an diesen Brauch an.
Die Bündische Jugend und Teile der Arbeiterjugend griffen die demokratische von Freiheitsliebe geprägte Tradition auf und auf diesem Wege landete sie somit euch bei uns Naturfreunden.

Erst im Juni 1923 lud die kurz zuvor gegründete NSDAP nach Kneitlingen am Elm zu einer Sonnwendfeier ein. Mit dem damit verbundenen Germanenkult wollte man die Bevölkerung auf eine ,,neue Zeit” einstimmen. Aber, heute wissen wir, die Flamme von diesem Sonnenwendfeuer hinterließ bereits die Vorglut für die Vernichtungsöfen von Auschwitz. Deshalb ist es ern Skandal, dass sich auch heute wieder Nazis zu Sonnwendfeiern treffen. Diese haben nichts aber auch gar nichts mit unserer Tradition zu tun.

ln welchen Zeiten leben wir heute und warum ist das wichtig, dass wir immer noch Sonnwendfeiern begehen?

Hätte einer von Euch vor Kurzem damit gerechnet, dass wir mitten in Europa erneut kriegerische Auseinandersetzungen haben. Das Russland und die NATO vor einer neuen Welle der atomaren und konventionellen Aufrüstung stehen. Als Reaktion auf die Ankündigung von neuen ballistischen russischen Atomraketen, planen die USA wieder atomare Mittelstreckenraketen in Europa zu stationieren.
Dieses Naturfreunde-Haus in dem wir heute feiern wurde in den 1980ziger Jahren symbolisch zur ,,Atomwaffenfreien Zone” erklärt. Damals waren wir Naturfreunde hier vor Ort und bundesweit Teil der Friedensbewegung und haben erreicht, dass sich die Entspannungspolitik durchsetzte und atomare Abrüstung eingeleitet wurde.
Wo ist diese Friedensbewegung heute? Statt massiv dagegen zu protestieren ist sie gespalten und von urtra-rechten Sektierern bedroht. lch denke, deshalb müssen wir Naturfreunde uns hier noch einmal laut zu Wort melden. Spätestens bei den nächsten Ostermärschen sollten wir mit unseren Transparenten und Fahnen wieder (mehr) Präsens zeigen.

Wir beschäftigen uns im Verband auch intensiv mit dem sogenannten Freihandelsabkommen TTiP, weil hier in erster Linie, nach allem was aus den Geheimverhandlungen durchdringt, offensichtlich die Freiheit des Marktes und der Banken gesichert werden soll und ökologische und Verbraucherinteressen so gut wie nicht berücksichtigt werden.

Ein kommunalpolitisches regionales Thema ist für uns die kritische Begleitung der Planungen für den Fernradweg Aachen-Kerkrade-Heerlen. Einen 5 Meter breiten Asphaltweg mitten durch das Naturschutzgebiet ,,Wurmtal” darf es unserer Meinung nach nlcht geben, auch wenn darauf Fahrräder und keine Autos fahren sollen.

Durch Fracking ist unsere Umwelt neuen Gefahren ausgesetzt, hiergegen nehmen wir als Naturfreunde im Verbund mit anderen Umweltorganisationen deutlich Stellung.

Und nach all dem Kämpfen und Politisieren, müssen wir unbedingt – wie unsere Vorfahren – tüchtig feiern und es uns gut gehen lassen.
Lasst uns das heute reichlich tun und auf dieser Sonnwendfeier – wie aueh auf unseren Wanderungen und Fahrten, das gute Leben- in der Gerneinschaft mit Gleichgesinnten genießen.

Als Bertold Brecht, der in seinem Leben ja auch viel gekämpft hat, mal mit einem Freund spazieren ging fragte ihn dieser: “Exil, Armut, die Angst vor den Nazis, die mühselige Arbeit an Theaterstücken – was hat das genützt? Brecht antwortete: “Ohne uns hätten sie es leichter gehabt.”

Lasst uns also weiter im Brecht’chen Sinne Sand im Getriebe der vermeintlich Mächtigen bleiben,
und
lasst uns das Gute Leben suchen und es anderen ermöglichen. Es wäre nicht nur schade, sondern fatal, wenn vor allem Werbung-duchtränkte Hochglanzmagazine  öde Artikel über das Gute Leben und es ansonsten schlichtweg vergessen wird.

Während wir uns diesem Thema annähern, werden wir hingegen weder streitbare Themen meiden (siehe oben), noch das Lebenswerte vergessen – denn irgendwo da liegt es für uns verborgen: das Gute Leben.

Berg Frei!

Sonnenwendfeier 2015